NACHWUCHS IN DER JUSTIZ 

INTERVIEW DR. WERNER RICHTER
OLG DÜSSELDORF

Social-Media, Kooperationen, Schulmarketing, Talentnetzwerke: Die Justiz NRW hat beim Werben um Nachwuchs viel in Bewegung gesetzt. Im Dialog mit der stellvertretenden DJG-Landesvositzenden für den Bereich Jugend, Hanna Hackbeil, erklärt Dr. Werner Richter, Präsident des Oberlandesgerichts Düsseldorf, wo es noch hakt, welche Rolle Digitalisierung spielt und was er der nächsten Generation in der Justiz mit auf den Weg geben möchte.


Dr. Werner Richter im OLG Düsseldorf (Foto: (c) 2026 zallmann)


Wenn Sie auf die aktuelle Situation blicken, was läuft aus Ihrer Sicht bei der Nachwuchsgewinnung in der Justiz NRW bereits gut?

In den vergangenen fünf Jahren ist in diesem Bereich viel investiert worden. Die Justiz NRW ist heute auf Ausbildungsplattformen deutlich präsenter als früher und spricht junge Menschen gezielter an. Auch neue Formate wurden erprobt, etwa die Zusammenarbeit mit einem Karriere-Influencer auf TikTok. Hinzu kommen eine modern gestaltete Karriereseite, ein intensiver Auftritt auf Ausbildungsmessen, ein systematisches Schulmarketing, Schulpartnerschaften, Schülerjustizpraktika und ein Talentnetzwerk für Interessierte. Seit Kurzem sind wir als Oberlandesgericht für unseren Bezirk auch auf Instagram vertreten.

Wenn Sie die Nachwuchsgewinnung für die Justiz in Nordrhein-Westfalen über die Zeit hinweg betrachten, wo sehen Sie die größten Herausforderungen und Unterschiede im Vergleich zu Ihren eigenen früheren Dienstjahren? Welche Faktoren haben Ihrer Einschätzung nach diesen Wandel maßgeblich beeinflusst?

Der entscheidende Wandel liegt im Arbeitsmarkt selbst. Früher bewarben sich viele Menschen bei vergleichsweise wenigen Arbeitgebern, heute konkurrieren Arbeitgeber um qualifizierte Nachwuchskräfte. Junge Menschen schauen genauer hin: Sie fragen nach Entwicklungsperspektiven, moderner Ausstattung, digitalen Arbeitsmöglichkeiten, Teamkultur und Sinnhaftigkeit der Tätigkeit. Darauf muss die Justiz überzeugende Antworten geben. Klassische Anzeigenschaltungen reichen dafür längst nicht mehr aus; gefragt sind passgenaue Botschaften, zeitgemäße Bilder und eine glaubwürdige Präsenz in den sozialen Medien.

Welche Erwartungen sollten junge Menschen künftig mitbringen, wenn sie sich für eine Ausbildung oder Laufbahn in der Justiz entscheiden? Im Gegenzug, was muss die Justiz als Arbeitgeber bieten, um für die junge Generation attraktiv zu sein?

Wer in die Justiz geht, sollte sich mit den Werten identifizieren können, die diesen Bereich prägen: Verantwortung, Loyalität, Gemeinwohlorientierung und das Streben nach Gerechtigkeit. Genau darin liegt zugleich eine besondere Stärke der Justiz als Arbeitgeber. Sie bietet eine sinnstiftende Tätigkeit mit gesellschaftlicher Relevanz. Damit junge Menschen sich dauerhaft für die Justiz entscheiden, braucht es daneben aber auch moderne Arbeitsbedingungen, Entwicklungsmöglichkeiten, Teamgeist und – wo sinnvoll – flexible Arbeitsformen wie Homeoffice.

Wie bewerten Sie die derzeitigen Ausbildungsstrukturen in der Justiz? Besteht Reformbedarf?

Reformbedarf gibt es immer, denn Ausbildung muss sich weiterentwickeln, wenn sich die Welt verändert. Insgesamt ist die Justiz in Nordrhein-Westfalen bereits gut aufgestellt. Die bestehenden Ausbildungsstandorte bieten ein breites regionales Angebot, und auch die Bereitschaft, junge Menschen in Modernisierungsprozesse einzubeziehen, ist vorhanden. Entscheidend bleibt, Ausbildungsinhalte und -formen regelmäßig zu überprüfen und an neue Anforderungen anzupassen.

Dr. Werner Richter im OLG Düsseldorf (Foto: (c) 2026 zallmann)

Die DJG denkt über einen einheitlichen Ausbildungscampus für alle in der Justiz nach. Wo sehen Sie die größten Chancen eines solchen Modells?


Ein zentraler Ausbildungscampus hätte durchaus Vorteile. Unterschiedliche Ausbildungsgänge ließen sich organisatorisch besser bündeln, und auch ein gemeinsames Lernen verschiedener Berufsgruppen könnte neue Impulse setzen. Andererseits profitiert Nordrhein-Westfalen als Flächenland von der regionalen Verteilung der Standorte. Diese Nähe spielt nicht nur für Nachwuchskräfte eine Rolle, sondern auch für Dozentinnen und Dozenten. Unabhängig von der Standortfrage ist vor allem entscheidend, die digitale Entwicklung in der Ausbildung deutlich stärker abzubilden – von der elektronischen Akte bis hin zum künftigen Umgang mit künstlicher Intelligenz.

Wo würden Sie mögliche Risiken oder Nachteile eines zentralisierten Ausbildungsortes sehen?


Aus meiner Sicht überwiegen derzeit die Nachteile. Ein großer Campus würde erhebliche finanzielle und organisatorische Fragen aufwerfen, bestehende Standorte dafür vermutlich nicht ausreichen. Hinzu käme der Verlust regionaler Erreichbarkeit. Deshalb sollte die Präferenz sein, die vorhandenen Standorte auszubauen, zu modernisieren und inhaltlich weiterzuentwickeln, statt auf einen vollständigen Zentralstandort zu setzen.

Wenn Sie frei gestalten könnten, wie sähe aus Ihrer Sicht die ideale Ausbildung und Nachwuchsgewinnung für die Justiz in 10 bis 15 Jahren aus?

Die Justiz sollte künftig noch stärker sichtbar machen, was sie leistet. Dazu gehört eine kontinuierliche, verständliche und bildstarke Kommunikation in sozialen Medien – nicht in erster Linie als Werbung, sondern vor allem als Einblick in den Arbeitsalltag. Ebenso wichtig ist es, Gerichte den Menschen nahe zu bringen, etwa über Praktika, Schulprojekte oder Gerichtsbesuche. Wer Justiz konkret erlebt, versteht besser ihre gesellschaftliche Bedeutung – und kann sich eher vorstellen, selbst Teil davon zu werden.

Sie waren viele Jahre in unterschiedlichen Funktionen für die Justiz in Nordrhein-Westfalen tätig, von der Position des Abteilungsleiters bis hin zum Präsidenten des Oberlandesgerichts Düsseldorf. Wenn Sie auf diese Zeit zurückblicken, welche Entwicklungen in der Justiz haben Sie persönlich am stärksten bewegt, sowohl im positiven als auch im kritischen Sinne, und welche Momente sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben oder haben Sie zum Nachdenken angeregt?

Besonders prägend war für mich die umfassende Digitalisierung der Justiz. Mit der Einführung der elektronischen Akte haben sich Arbeitsabläufe in nahezu allen Bereichen grundlegend verändert. Einschneidend war die Corona-Zeit: Sie stellte die Justiz vor enorme Herausforderungen, zeigte aber zugleich, dass Gerichte auch unter schwierigen Bedingungen handlungsfähig bleiben. Aus dieser Zeit ist vor allem die Erfahrung geblieben, dass Vertrauen in die Mitarbeitenden tragfähig ist – und dass daraus neue Arbeitsmodelle entstehen können. Zugleich verbindet sich mit dem Rückblick die Sorge, dass das Vertrauen in staatliche Institutionen insgesamt nicht selbstverständlich ist. Umso wichtiger bleibt es, die Arbeit der Justiz transparent zu machen und den Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern zu pflegen.

Mit Blick auf Ihren bevorstehenden Ruhestand, welche entscheidenden Weichenstellungen erachten Sie für die Justiz in Nordrhein-Westfalen in den kommenden Jahren als notwendig, um auch künftig ihrem verfassungsrechtlichen Auftrag gerecht zu werden und attraktiv für Bürgerinnen, Bürger sowie Mitarbeitende zu bleiben?

An erster Stelle steht weiterhin die Digitalisierung. Bürgerinnen und Bürger sollen die Justiz einfacher und niederschwelliger erreichen können, zugleich aber auch weiterhin kompetente persönliche Ansprechpersonen vorfinden. Daneben sind Bürokratieabbau, eine stärkere Konzentration auf wesentliche Aufgaben, ein funktionierendes soziales Miteinander in den Gerichten sowie ein besseres Gesundheitsmanagement wichtige Zukunftsthemen. Gerade in einer älter werdenden Arbeitswelt kommt es darauf an, gute Arbeitsbedingungen langfristig zu sichern.

Welche Wünsche legen Sie für die Justiz in Nordrhein-Westfalen nach Ihrem Ausscheiden und welche Botschaft möchten Sie Ihren Kolleginnen und Kollegen, insbesondere der jüngeren Generation, mit auf den Weg geben?

Mein Wunsch ist eine Justiz, die auch künftig von Menschen getragen wird, die nicht nur fachlich überzeugen, sondern auch für ihre Werte einstehen. Gerade in Zeiten, in denen demokratische Institutionen unter Druck geraten, braucht es Beschäftigte, die Verantwortung übernehmen und die Bedeutung der Justiz als dritte Staatsgewalt verständlich vermitteln können. Digitalisierung und künstliche Intelligenz sollten dabei unterstützen, die Arbeit besser zu machen – das menschliche Gesicht der Justiz aber, und das ist mir wichtig zu erwähnen, ist nicht zu ersetzen.

Herr Dr. Richter, vielen Dank für Ihre Bereitschaft und Zeit zu diesem Interview sowie ihre Einschätzungen zur Nachwuchsentwicklung und den zukünftigen Aufgaben der Justiz in Nordrhein-Westfalen. 

Dr. Werner Richter (Präsident des OLG Düsseldorf) und Hanna Hackbeil (Stv. Landesvorsitzende DJG NRW Bereich Jugend) (Foto: (c) 2026 zallmann)


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