KEIN EINFACHER DIENST
FACHTAG JUSTIZWACHTMEISTERDIENST
28.04.26 - UNPERFEKTHAUS ESSEN

„Ich kann nicht sagen,

ob es besser wird, 

wenn es anders wird; aber so viel kann 

ich sagen: Es muss

anders werden, wenn es besser werden soll.“


(Georg Christoph Lichtenberg)

Der Fachtag des DJG NRW Fachbereichs Justizwachtmeisterdienst begeisterte die Teilnehmenden im Essener Unperfekthaus.

Das Berufsbild der Justizwachtmeister:innen hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt. Was früher überwiegend als Ordnungsdienst verstanden wurde, ist heute eine anspruchsvolle Tätigkeit mit wachsender Verantwortung. An Gerichten und Staatsanwaltschaften sind die Kolleg:innen längst zur ersten Sicherheitsinstanz geworden: Sie führen Einlass- und Sicherheitskontrollen durch, deeskalieren in angespannten Situationen, sichern Sitzungen ab und sind oft die Ersten, die bei Übergriffen und Bedrohungen einschreiten. Die Anforderungen an Konfliktfähigkeit, rechtliches Wissen und persönliche Belastbarkeit sind enorm gestiegen. 

Genau deshalb standen beim Fachtag die Zukunftsthemen im Mittelpunkt. Sicherheit ist angesichts zunehmender
Aggressivität und gesellschaftlicher Spannungen wichtiger denn je. Die Digitalisierung verändert Arbeitsabläufe in den Justizgebäuden tiefgreifend und verlangt neue Kompetenzen. Und eine fundierte, einheitliche Ausbildung wäre die Grundlage dafür, dass die Kolleg:innen diese Aufgaben nachhaltig in hoher Qualität leisten können. Wer den Justizwachtmeisterdienst zukunftsfest aufstellen will, muss in Qualifizierung, Ausstattung und Wertschätzung investieren.

Mit rund 100 Gästen herrschte im Unperfekthaus „Full House“. Der Fachtag war ein voller Erfolg – ein deutliches Signal dafür, wie das Thema unter den Nägeln brennt – der Justizwachtmeisterdienst ist eben „kein einfacher Dienst“ mehr.

IMPRESSIONEN

FACHTAG KEIN EINFACHER DIENST

Der Fachtag startete mit zwei Impulsvorträgen von Jörg Heinrichs, Präsident am Dortmunder Amtsgericht und Anne Herr von der Stabstelle  #sicherimdienst des NRW-Netzwerksdie im Folgenden kurz zusammengefasst wurden. Beide Vorträge boten im Anschluss Zeit für einen Dialog, bevor es für alle Teilnehmenden die Möglichkeit gab, an verschiedenen Themeninseln zu den zentralen Themenschwerpunkten Ausbildung, Sicherheit und Zukunft ihre Gedanken zu sammeln. Am Ende dieses Berichts gibt es eine kurze Zusammenfassung der skizzierten und an den Themeninseln besprochenen Punkte.

Zwischen Vorträgen und den Dialogen an den Themeninseln bestand für die Teilnehmenden genug Raum für einen regen Austausch. Die einzigartige Atmosphäre des Essener Unperfekthauses förderte kreatives Denken und Arbeiten und zwischendurch in den Pausen gab es im ganzen Haus viel zu entdecken. Da sich auch das Wetter an dem Tag von der allerbesten Seite zeigte, nutzten viele die Mittagspause für Gespräche über den Dächern von Essen auf der Dachterasse.

Zusammenfassend waren DJG Landesvorstand und die Mitwirkenden des Fachbereichs mit dem Fachtag sehr zufrieden – der Fachbereichsleiter Burkhard Platt danke den Organisatoren und Unterstützer:innen, die im Vorfeld bereits viel Arbeit in diesen Tag investiert hatten.

Einleitend würdigt Jörg Heinrichs die Wachtmeister:innen, die ihm seinerzeit durch praktische Hilfe und kollegiales Miteinander den Berufseinstieg erleichterten. Sein Kernthema ist der tiefgreifende Wandel des Berufsbildes: Eigentlich für Sicherheit und Ordnung zuständig (Eingangsbereiche, Vorführungen, Zwangsmaßnahmen, Sitzungsbetrieb), wurden Justizwachtmeister:innen über einen ursprünglich untergeordneten Passus der Dienstordnung zunehmend zu „sonstigen Aufgaben“ herangezogen. Heute dominieren digitale Tätigkeiten – elektronische Eingänge, enormer Scanaufwand, Videoverhandlungen, Gerichtsvollzieher-Verteilerstelle. Das versprochene zusätzliche Personal blieb aus, was zu Frust und nicht selten zur Überlastung führt.

Jörg Heinrichs benennt drei wichtige Handlungsfelder:

Sicherheit: Angesichts wachsender Aggression gegenüber staatlichen Institutionen braucht es neben besserer Ausrüstung vor allem echte Professionalisierung – Deeskalation und Wissen um hoheitliche Eingriffsrechte. Schulungen dürfen nicht am Personalmangel scheitern. Positivbeispiel: der erfolgreiche Szenarien-Tag in Dortmund (OLG-Bezirk Hamm).

Arbeitsplatzwandel: Der Beruf erfordert vertiefte IT-Kompetenzen. Nötig sind flexible Arbeitszeit- und Homeoffice-
Modelle auch für Justizwachtmeister:innen – sonst drohen Abwanderung und eine dienstzweigübergreifende Neiddebatte.

Führung: Gutes Betriebsklima ist laut Studien der wichtigste Bindungsfaktor (80 %). Erforderlich sind moderne Gesprächs- und Feedback-Kultur sowie Wertschätzung. Sein „Klassensprecher-Modell“ mit jungen Teamleitungen in Dortmund zeigt erste Erfolge.

Fazit: Der Wachtmeisterdienst der Zukunft soll sicherer, digitaler und besser geführt sein. Der eigentliche Impuls geht jedoch über Geld und Personal hinaus: Wichtig ist ein anerkannter Ausbildungsberuf mit durchgreifender Reform – etwa getrennte Justizfachkräfte für Geschäftsstellen- bzw. Sicherheits- und IT-Aufgaben. Er schließt mit einem Appell an die Jüngeren und dem Lichtenberg-Zitat: „Es muss anders werden, wenn es gut werden soll.“

Anne Herr von der Stabsstelle #sicherimDienst stellte zu Beginn ihres Vortrags das Präventionsnetzwerk #sicherimDienst vor und machte deutlich, worüber man eigentlich spreche, wenn es um Sicherheit im Dienst gehe. Anhand mehrerer Medienberichte — etwa über eine Attacke im Amtsgericht Lüdenscheid, einen Angriff auf Vollzugsbeamte in Bonn und den getöteten Gerichtsvollzieher im Saarland — schilderte sie eindringlich, dass Beleidigungen, Bedrohungen und Übergriffe auf Justizpersonal zunähmen, verlässliche Zahlen dazu jedoch kaum existierten.

Sie führte aus, dass das Netzwerk aus der NRW-Initiative „Mehr Schutz und Sicherheit von Beschäftigten im öffentlichen Dienst“ hervorgegangen sei, und betonte, dass dies ein hochaktuelles und für alle Bereiche des öffentlichen Dienstes relevantes Thema sei. Als Ziele nannte Anne Herr, Bewusstsein zu schaffen, Schutz und Handlungssicherheit zu erhöhen sowie Gewaltschutz zu etablieren. Bei der Umsetzung verwies sie auf innerbetriebliche Gewaltschutzmaßnahmen, den bereichsübergreifenden Austausch, die Beratung durch Sicherheitspartner und örtliche Kooperationen.

Was #sicherimDienst konkret bedeute, erläuterte sie anhand von acht Handlungsfeldern: Gewaltschutz ganzheitlich denken, unterschiedliche Tätigkeitsbereiche beachten, die Rolle von Führungskräften stärken, sich um Betroffene kümmern, Konzepte bei Veränderungen anpassen, sich austauschen und vernetzen, das Thema sichtbar machen sowie Ressourcen erfassen und Notwendiges bereitstellen.

Anschließend stellte Anne Herr konkrete Maßnahmen und Materialien vor, darunter Handlungsempfehlungen, Taschenkarten sowie das im November 2025 beschlossene Beschäftigtenschutzgesetz NRW. Sie berichtete von der gelebten Netzwerkarbeit — etwa dem monatlichen Online-Format „Frag‘ doch mal das Netzwerk“, einem monatlichen Newsletter, der „Sicheren Stunde“, jährlichen Fachtagungen sowie der Unterstützung beim Aufbau lokaler Strukturen am Beispiel der Stadt Aachen und bei eigenen Fachtagen wie dem Sicherheitstag der Gerichtsvollzieher des Amtsgerichts Düsseldorf.


Hört Euch den Vortrag von Jörg Heinrichs
nochmal in unserem Podcast akteDJG an!

Wir haben den Vortrag von Jörg Heinrichs genutzt, ihm am Amtsgericht in Dortmund zu besuchen, wo er Präsident ist. Mit ihm sprach Sebastian Siemko, Sprecher der Regionalgruppe Hamm.

THEMENINSELN

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Beim Fachtag haben unsere Justizwachtmeister:innen gemeinsam mit den Teilnehmenden an drei Themeninseln – Ausbildung, Sicherheit und Zukunft – erarbeitet, was sich im Justizwachtmeisterdienst ändern muss. Als DJG NRW fassen wir die wichtigsten Aussagen zusammen und formulieren daraus unseren Auftrag.

Themeninsel Ausbildung

Die Kolleg:innen fordern eine strukturierte, modulare Ausbildung „von A–Z“ statt nur eine einfache Einarbeitung. Die Ausbildung soll einen theoretischen und einen praktischen Teil haben. Sie soll durch Ausbildungsgespräche begleitet und landesweit einheitlich von den Oberlandesgerichten gesteuert werden. Gefragt sind zusätzliche Fachkompetenzen, zum Beispiel IT und E-Akte, Psychologie, Deeskalation sowie der sichere Umgang mit Waffen und Asservaten. Rotation und Hospitationen über die eigene Behörde hinaus – bei Amtsgericht, Landgericht, Oberlandesgericht und Staatsanwaltschaft – sollen den Blick erweitern. Es braucht verpflichtende und regelmäßige Fortbildungen, auch für erfahrene Kolleg:innen, sowie die nötige Ausstattung. Das übergeordnete Ziel ist die Verbeamtung und eine Überführung in eine zeitgemäße reformierte Laufbahngruppe 1.2., die den Aufgaben, Interessen und Tätigkeiten aller Bediensteten dieser LBG gerecht wird.

Themeninsel Sicherheit

Wegen steigender Anfeindungen und Übergriffe fordern die Teilnehmenden vor allem mehr und einheitliche Schutzausrüstung. Dazu gehören Handfesseln, Funkgeräte, Sicherheitswesten, Reizstoffsprühgeräte und Schlagstöcke. Auch die Asservatenstellen brauchen eine bessere Ausstattung samt Entladestation. Gefordert werden eigene Trainingsräume sowie regelmäßige und realitätsnahe Deeskalations- und Szenarientrainings. Außerdem sind einheitliche Notfallpläne wichtig. Baulich sind durchdachte Einlasskontrollen und Vorführbereiche nötig. Ein flächendeckend funktionierendes BOS-Funknetz und eine vereinfachte Kommunikation zwischen Justizvollzugsanstalt und Vorführstellen sind ebenfalls gefragt. Der rote Faden lautet: landesweit einheitliche Sicherheitsstandards statt einzelner Lösungen je Gericht.

Themeninsel Zukunft

Im Mittelpunkt steht die Wertschätzung. Der Dienst soll im Jahr 2030 nicht eine reine „Türsteher“-Rolle sein, sondern ein anerkanntes und zukunftsfähiges Berufsbild darstellen. Die Kolleg:innen wünschen sich eine bessere Besoldung und echte Aufstiegschancen über die Besoldungsgruppe A6 hinaus. Dabei soll es keine Unterschiede zwischen den Behördentypen geben. Zulagen für besondere Einsätze sind ebenso erwünscht. Sie benennen zu wenig Personal bei steigender Arbeitsbelastung. Außerdem fordern sie moderne und sichere Arbeitsplätze, bessere Dienstkleidung mit angemessenem Zuschuss und die Durchlässigkeit in den Laufbahngruppen. Wichtig ist ihnen auch Fürsorge nach belastenden Vorfällen und dass ihre Sorgen ernst genommen werden.

Fazit

Über alle drei Themeninseln hinweg zeigt sich ein klares, gemeinsames Bild: Die Justizwachtmeister:innen wollen als qualifizierte Fachkräfte mit Zukunft gesehen werden – nicht als Lückenbüßer. Ausbildung, Sicherheit und Zukunft sind keine getrennten Themen, sondern Teile derselben Forderung nach Wertschätzung, einheitlichen Standards und verlässlichen Perspektiven. Als DJG NRW nehmen wir diesen Auftrag an: Wir setzen uns für eine strukturierte Ausbildung, moderne Schutz- und Arbeitsausstattung, landesweit einheitliche Sicherheitskonzepte sowie eine faire Bezahlung mit echten Aufstiegschancen ein. Die Stimmen vom Fachtag sind unsere Argumente bei den Verhandlungen.

Burkhard Platt, Leiter Fachbereich Justizwachtmeisterdienst (Bild oben, 1.v.l.) dankte allen Organisatoren und helfenden Händen, die in langer und aufwändiger Vorarbeit den Fachtag geplant und vorbereitet haben und somit maßgeblich zum Erfolg beigetragen haben.

Bild oben: V.l.n.r.: Burkhard Platt, Stephanie Wiedera, Sebastian Siemko, Ralf Eimers, Rebecca Wöhler, Benedikt Liesens, Hanna Hackbeil, Marko David, Klaus Zallmann, Klaus Plattes und Gregor Hildebrandt
Bild unten links: V.l.n.r.: Sebastian Siemko, Benedikt Liesens, Hanna Hackbeil, Bild unten rechts: Sebastian Siemko



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